Entscheidungsfindung


Um meine Angst zu bewältigen lese ich gerade wieder das Buch von Roland Rosinus »Angst ist mehr als ein Gefühl«. Bei meiner Reha in Münchwies hat mir dieses Buch in mancher Hinsicht geholfen. Erfahre ich noch einmal so eine Stärkung und Hoffnung um mein Leben, meine vielen (auch sehr positiven) Gedanken, wieder auf den richtigen Weg zu manövrieren. Angst und Partnerschaft ist ein Artikel in diesem Buch. Dort heißt es: 1. Jeder hat einen großen Anteil »Ich« (nicht zu verwechseln mit Egoismus). Es besteht aber eine große Schnittmenge gemeinsamer Interessen und vorhandener »Beziehungsenergie«. 2. Jeder hat einen großen Anteil »Ich«, aber zu wenig Schnittmenge. Gefahr! Möglichkeit, sie durch Kommunikation wieder zu vergrößern. 

Manchmal hasse ich mich, weil ich merke, immer korrekt sein zu wollen, immer von mir hundert Prozent verlange und hiermit mein soziales Umfeld überfordere. Bloß niemandem weh tun, lieber die eigenen Leiden vergrößern, lieber zurückstecken. Aber ich will doch auch leben! Vieles an mir konnte ich bisher verändern, bei einigen Dingen tu ich mich schwer. Auch ich sollte mich wieder lieben können. Doch die letzten Jahre haben auch viel in mir zerstört. 

War es Dummheit, Mut, oder einfach nur die Wahrheit, als der leitende Therapeut in der Gruppe, Herr Thies, am 7.11. die Frage an mich stellte: »Denken Sie auch an Trennung«? Meine Antwort war klar und deutlich »Ja« und hat mich wohl deshalb auch erschreckt, weil es mir bis dahin nicht richtig bewußt war. 

Ich möchte nicht allein sein, habe aber das Gefühl es nicht mehr verhindern zu können. Für mich, als Mensch, der die Gemeinsamkeit sucht und auch braucht, bricht eine Welt zusammen. Deutlich spüre ich diese Unsicherheit, die mich umgibt. Sie ist kein guter Berater, sie verhindert klare Gedanken, löst bei mir Stress und Angst aus. 

Zu viel ist passiert, in den letzten Jahren zwischen meiner Frau und mir. Kann alles nicht mehr beiseite schieben und so tun als wenn nichts gewesen wäre. Fange im Paargespräch die Auseinandersetzung mit meiner Frau an, sie soll wenigstens die Chance haben zu verstehen, warum es so gekommen ist. Habe vieles selbst noch nicht verstanden, bin mir nicht mehr sicher wohin mein Weg mich führen wird. Mein Leben hat sich so radikal verändert, beschäftigt mich so intensiv mit mir selbst, was zu Schlaflosigkeit und vielen weiteren, hoffentlich vorübergehenden Problemen führt. Begreife langsam meine vielen Tränen, begreife langsam meine Lebensangst vor der Zukunft, begreife langsam den Verlust, begreife langsam meine Trauer und Niedergeschlagenheit. Habe im Moment kein Ziel vor Augen. Dies ist eine schlimme Situation, weil ich immer ein Ziel vor Augen haben sollte, sie raubt mir die Kraft, weil ich wenigsten kleine Ziele brauche. Diese momentane Ausweglosigkeit zieht mich gewaltig nach unten, ich leide sehr. 

Ist meine Ehe, die gerade erst begonnen hat, ein Jahr andauerte, bereits kaputt? Hat diese Ehe in Wirklichkeit nicht stattgefunden und wurde geschlossen aus einer Co-Abhängigkeit heraus? Gerade wegen dieser großen Probleme in den letzten vier Jahren wollte ich mal wieder rücksichtsvoll sein, um meine Frau nicht übermäßig zu belasten, um auch mir nicht wieder neue Lasten zu schaffen, an denen ich noch zerbrechen könnte. Wir haben unsere Probleme unter den Tisch gekehrt und jetzt kommt der ganze Müll wieder zum Vorschein, unbearbeitet, macht mir deutlich, dass es so nicht geht. Dieser Müll wird mich weiter beschäftigen, wird immer wieder kommen, wird sich immer mehr in mein Gehirn einfressen, bis ich scheitere oder ihn beseitigt habe. 

Bin beim Nervenarzt Dr. Gebel gewesen. Er betreut die Drogen- und Suchthilfestelle und kümmert sich um uns. Meine Frau war mit bei ihm in der Sprechstunde, was mich veranlasst hat, vorsichtig über die letzten vier Jahre zu sprechen. Er hat mir sehr aufmerksam zugehört und bemerkt, dass ich sehr auf Distanz zu meiner Frau gegangen bin und hat dieses offen angesprochen. Die offensichtlichen Schwierigkeiten, in denen ich mich befinde, werden jetzt auch von meiner Frau erkannt. Sie hat allerdings diese Schwierigkeiten nicht. Um den richtigen Weg zu finden muss ich Klarheit für mich gewinnen, muss ich für mich aufarbeiten was in den letzten Jahren geschehen ist, hier bin nur noch ich gefragt. Es ist sehr schwer, zu der Einsicht zu kommen, dass nur ich die Hauptrolle hier spiele, dass nur ich entscheiden muss, wie ich mit diesen letzten Jahren umgehen will, dass nur ich den Grundstein für meine Zukunft legen kann. 

Mit verdrängen erreiche ich nichts, nur wenn ich diese neue Situation meistere, werde ich den Rand des Loches erreichen, in das ich gefallen bin, heraus klettern und mein altes Selbstbewusstsein wiederfinden. Beispiel: »Zwei Frösche sind in einem Eimer, der gefüllt ist bis an den Rand mit Milch. Der eine gibt auf und ertrinkt. Der andere strampelt immer weiter, gibt nicht so schnell auf, die Milch wird zu Quark. Er hat es geschafft, kann den Eimer verlassen und hat sich gerettet«. Mein Therapeut hat noch viel Arbeit vor sich. Gefühlsmäßig stehe ich wieder am Anfang meiner Reha in Münchwies. Es geht mir schlecht. Wie bin ich da nur herausgekommen? Achso, da war doch noch was: »Ich will« – »Ich will« – »Ich will«. 

Mit Jan, meinem Zimmerkollegen aus Münchwies, bin ich immer noch in Kontakt und konnte mit ihm ein sehr offenes Gespräch über meine momentane Situation führen. Es hat ihm gezeigt, in welcher Not ich mich befinde, dass ich dringend Hilfe benötige. Jan war ein guter Zuhörer über mehr als 2 Stunden. 

Es war echte Hilfe, ein guter Freund in schwerer Zeit. Meine sozialen Kontakte zu ehemaligen »Freunden« habe ich abgebrochen und im Freundeskreis konnte ich diese noch nicht knüpfen. Nun nimmt alles seinen Lauf und ich brauche therapeutische Hilfe.

 

Rainer