Sucht macht die ganze Familie krank

Erstes Treffen der Angehörigengruppe für Alkoholkranke am kommenden Mittwoch


von Carmen Pförtner

Warburger Land. 96,4 Prozent der bundesweiten Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahren trinken Alkohol. Eine Alltagsdroge, die in der Gesellschaft anerkannter ist, als jede andere. 1,8 Millionen Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren sind alkoholabhängig. Oftmals leiden die Angehörigen von Alkoholkranken nicht weniger, als die Suchtkranken selbst. "Längst überfällig also, dass wir in Warburg eine Selbsthilfegruppe für die Angehörigen von Alkoholkranken anbieten", findet Reiner Illner, seit mehr als 30 Jahren trockener Alkoholiker.

Gemeinsam mit seiner Frau Jutta und Anja Vorlicek von der Warburger Diakonie wird er die Angehörigengruppe leiten. "Ich denke, dass es für Angehörigen von Vorteil sein kann, dass ich als ehemaliger Abhängiger dabei bin", sagt Reiner Illner. Schließlich könne er viele Verhaltensweisen nachvollziehen, "und vielleicht Tipps oder Tricks verraten, wie Angehörige damit umgehen können". Oder auch seine Frau, schließlich ist sie selbst Angehörige eines ehemals Suchtkranken. "Das Ehepaar Illner bringt auch ein wenig Hoffnung mit in die Runde, schließlich haben sie die Krankheit überwunden", sagt Anja Vorlicek.

Die Angehörigengruppe trifft sich zum ersten Mal am kommenden Mittwoch, 18. Juni, von 19 bis 20.30 Uhr im Corvinushaus an der Warburger Sternstraße - "und danach dann 14-tätig in den ungeraden Wochen", sagt Anja Vorlicek. Als angehende Suchttherapeutin ist sie die professionelle Beraterin der Truppe. Das Angebot ist offen für alle, die mit Menschen mit einer Alkoholsucht zu tun haben, "das können Eltern oder Ehepartner, aber auch Kinder von Suchtkranken sein, die sich um ihre Eltern sorgen", sagt Katharina Linpinsel, Leiterin der Diakonie.

In den vergangenen Jahren hätte die Nachfrage nach Beratungs- und Selbsthilfegruppen stark zugenommen. "Wir haben zunehmend Anfragen von Angehörigen, die Hilfe suchen", sagt Linpinsel. Und auch gesamtgesellschaftlich spiegele sich diese Erfahrung wider: "Bei der Freien Evangelischen Gemeinde in Warburg haben wir eine Umfrage mit dem Titel gestartet: Suchet der Stadt Bestes. Heraus kam, dass viele Warburger eine Selbsthilfegruppe für Angehörige vermissen", sagt Reiner Illner, der in der Freien Evangelischen Gemeinde aktiv ist. So habe man den Kontakt zur Diakonie aufgenommen - und ist offene Türen eingerannt. "Die Teilnehmer empfinden es als sehr befreiend, sich mit anderen Angehörigen auszutauschen und zu sehen, dass es auch andere Menschen mit denselben Sorgen gibt", sagt Anja Vorlicek.

Einer der wichtigsten Punkte eines solchen Angebots sei es, dass die Betroffenen ihre Scham überwinden, "die fast durchgängig bei allen Angehörigen vorhanden ist", weiß Linpinsel. Denn eine Suchtkrankheit sei meistens eine Familienkrankheit, so Linpinsel. "Nicht nur die Suchtkranken selbst sind krank, sie gefährden alle Familienmitglieder." Die Gefahr, an Depressionen zu erkranken, sei für die Ehepartner von Suchtkranken erwiesen höher. "Aber auch andere körperliche Krankheiten können die Folge sein", weiß Linpinsel. Für die Angehörigen sei es ein wichtiger Schritt, wieder auf sich selbst zu achten.

Obwohl die Zahl der Alkoholkranken in den vergangenen Jahren stets gestiegen sei, habe sich der Umgang mit dem Thema verändert. "Die Menschen wissen mehr über die Sucht, als früher - es gibt aber auch mehr Hilfestellungen", so Linpinsel. Trotzdem habe sich die Definition als Krankheit gesellschaftlich noch nicht durchgesetzt. "Sucht wird von vielen Menschen noch immer als persönliches Versagen begriffen."

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